Die Foreign Feathers im Doppelpack

„Die Jungs“ sorgten am 18. und 19. April 2026 wieder für ein volles ZAK


Ein Abend voller Sehnsucht

Der Samstagabend gehörte ihnen – und das Publikum ließ keinen Zweifel daran, wie sehr es sich auf die Band gefreut hatte! Vor ausverkauftem Hause feierten die „Jungs“ ihr 35-jähriges Bühnenjubiläum an dem Ort, der für sie längst zum musikalischen Wohnzimmer geworden ist: dem ZAK. Familie war gekommen, alte Freunde aus Grundschultagen – und sogar einer jener Menschen, die beim allerersten Konzert in Mainz dabei gewesen waren. Es wurde ein Abend voller Geschichten, Wärme und Musik.

 

Der erste Ton

Kaum betraten die Musiker die Bühne, war die Begeisterung des Publikums spürbar. Jürgen Morath eröffnete den ersten Teil in gewohnt launiger Art, stellte die Band vor und ließ Witze los, die Holger Pfaff zu der Bemerkung verleiteten: „Die darfst du morgen, am Sonntag, nicht machen. Nicht jugendfrei." Damit hatte er dann die Lacher auf seiner Seite.

 

Dann wagten die Foreign Feathers etwas Mutiges: Sie sangen und spielten ein Lied, das sie zwar geprobt, aber noch nie auf der Bühne gespielt hatten. Kurzes Durchatmen im Publikum – doch natürlich klappte es. Hand me Down erklang, mal von Instrumenten begleitet, mal a cappella, und erzählte von jenen Iren, die sich über die ganze Welt verstreut haben und von nichts anderem träumen als von der Rückkehr. 

 

Eine musikalische Reise

Was dann folgte, war eine Reise durch die keltische Welt. Till Moysies kündigte sie an: Tunes aus der Bretagne über Irland bis nach Schottland – und schließlich ein eigenes Stück. „Wir müssen ständig stimmen", erklärte Wolfgang Paßmann trocken, „das irische Wetter wechselt so schnell."

 

Die Reise begann zart – ein solistisches Mandolinen-Intro, sanft und fast zögerlich, bevor Gitarre und Akkordeon leise einsetzten. Dann das Cello von Hannes Kraft, das dem Klang Tiefe und Wärme verlieh, bis schließlich die Flöte den unverwechselbar irischen Charakter vollendete. Das Publikum lehnte sich zurück und ließ sich mit auf diese schöne Reise nehmen.

 

Doch dann: ein Ruck. Das Akkordeon übernahm das Steuer, die Löffel kamen zum Einsatz, der Rhythmus wurde treibend, fast ungezähmt – ein wundervoller Kontrast zum traumverlorenen Beginn. Das Publikum wippte mit, lächelte, klatschte. Und als schließlich alle fünf Stimmen einsetzten und das furiose Ende der Reise nahte, wollte der Applaus einfach nicht aufhören.

 

Shanty, Sehnsucht und ein leerer Zettel

Vor der Pause gab es noch ein echtes Shanty – ein Arbeitslied, das, wie Jürgen erklärte, dabei hilft, dass alle immer das Gleiche tun und bei dem der Refrain ohnehin wichtiger ist als der Text. Wolfgang hielt demonstrativ einen fast leeren Zettel in die Höhe. Text und Tonart? Werden spontan variiert. Das Publikum durfte mitsingen – und tat es begeistert.

 

Nach der Pause, in der die ZAK-Küche mit Guinness, Kilkenny und Laugenstangen Irish Style für die passende Stimmung gesorgt hatte, ging die Reise weiter. Till sang The tail o‘ the Bank zur Gitarre – sanft, melancholisch, zweistimmig mit Holger. Wunderschön – und der Saal lauschte fast andächtig. 

Foto: Werner Düll

Nähe, Sehnsucht und ein Lied mit Verfallsdatum

Beim nächsten Stück rückten die Musiker buchstäblich zusammen – eng, fast auf einem Haufen. „Wir stehen hinter euch!", rief Jürgen und stand tatsächlich mit Wolfgang hinter Till, Holger und Hannes. Doppeldeutig, wie so vieles an diesem Abend.

 

Das folgende Lied ließ das Herz schwer werden: das Cello dunkel und lastend, Sehnsucht in jedem Ton – und dann plötzlich die helle Bouzouki, die wie eine aufflammende Erinnerung an die alte Heimat einsetzte. Viele keltische Lieder tragen dieses Gefühl in sich, diese nie endende Verbundenheit mit einem Ort, den man vielleicht nie wieder sehen wird.

  

Zum Schluss noch ein „Lied mit Verfallsdatum": My mother won't let me marry – eine komische Klage über das ewige Dilemma zwischen mütterlichem Heiratsdrang und mütterlichem Widerstand. Das Publikum war amüsiert!

 

Standing Ovations

Als die Band mit einem Song die Bühne verließ, klatschte das Publikum wie wild und forderte direkt eine Zugabe – und war sichtlich überrascht und begeistert, als die Musiker plötzlich singend wieder durch den Eingang der Alten Kirche hereinkamen. Ein letztes Shanty: Rolling down to old Maui. Spätestens dann standen alle und feierten die Foreign Feathers. Standing ovations, ein langer, warmer Applaus – und das Gefühl, etwas Besonderem beigewohnt zu haben. Fünfunddreißig Jahre, und die „Jungs“ klingen, als hätten sie noch viele weitere vor sich.

Fotos: Hanna Wilhelm

Sonntagmorgen mit Seele – das Matineekonzert

Der Sonntag begann mit Regen – Irlandwetter, wie es passt. Doch wer das ZAK betrat, ließ das graue Wetter draußen. Schon kurz vor zehn Uhr strömten die ersten Gäste herein, wurden mit Kaffee, Kuchen und Laugengebäck Irish Style empfangen und fanden schnell in die entspannte, herzliche Atmosphäre eines Heimspiels.

 

Werner Düll, Vorstand des ZAK, eröffnete den Morgen mit einer launigen Begrüßung und stellte trocken fest, dass der Altersdurchschnitt heute deutlich geringer sei als am Abend zuvor – denn: Heute waren auch Kinder da!

 

Licht, Klang und eine besondere Atmosphäre

Dass Irish und Scottish Folk auch am Sonntagvormittag funktioniert, bewies das Konzert eindrucksvoll. Die Sonne, die sich im Laufe des Morgens durchkämpfte, tauchte die Musiker in der Apsis in ein melancholisch-warmes Licht – eine Atmosphäre, die man sich kaum schöner hätte wünschen können. Die Songs verloren nichts von ihrer Tiefe und ihrer sehnsüchtigen Schwermut, gewannen durch das Tageslicht aber noch etwas Hoffnungsfrohes, Leuchtendes hinzu.

Foto: Werner Düll

Wer die Band kennt, weiß: Hier treffen sehr verschiedene musikalische Charaktere aufeinander – und genau das macht den Reiz aus. Hannes Kraft am Cello und Holger Pfaff an der Gitarre bilden zwei ruhige, verlässliche Pole. Till Moysies bewegt sich irgendwo in einer anderen, fast außerirdischen Sphäre. Wolfgang Paßmann an der Flöte hält die Spannung zwischen den Welten – und Jürgen Morath spielt gelegentlich auch Instrumente, die er nach Aussage eines Musikerkollegen eigentlich gar nicht kann. Funktioniert trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb.

 

Lieder mit Haltung

You won't get me down in your mines war eines der Lieder, das an diesem Morgen besonders nachhallte – eine Hommage an all jene Männer, die ihr Leben unter Tage ließen, gesungen von jemandem, der das um jeden Preis verhindern will, der keineswegs im Bergbau sein Geld verdienen will. Eindringlich, direkt und ohne falsche Sentimentalität.

 

Wenn die fünf Stimmen dann ohne jedes Instrument erklingen – a cappella, fünfstimmig, in vollkommener Reinheit – ist Gänsehaut garantiert.

 

Die Kinder und die Löffel

Ein besonderes Publikum erfordert besondere Momente. Immer wenn Wolfgang seine Löffel zückte und den Rhythmus damit antrieb, wurden die kleinen Konzertgäste schlagartig aufmerksam – große Augen, gespitzte Ohren. Ähnliches galt für jede Trommel und jede Percussion-Einlage.

 

Dass Hannes jahrelangen Cellounterricht genossen hat, wird eher selten gewürdigt. Wolfgang mit seinen Löffeln ist und bleibt der heimliche Star. Und er machte großzügig ein Angebot: Er bringe jedem das Löffeln bei – in maximal zwei Stunden.

 

Heimkommen

Das Thema des Abends zuvor klang auch am Sonntagmorgen nach. Ganz bewusst spielten Foreign Feathers ihr neues Lied Hand me Down hier in Niedernhausen nach dem gestrigen Abend zum zweiten Mal – ein Stück über das Heimkehren, gespielt an einem Ort, der für die Band selbst eine zweite Heimat ist. Es folgte nahtlos When the boys come rollin‘ home, und dann begann die musikalische Reise durch die keltische Welt.

 

„Die Kelten haben sich überall dort ausgebreitet, wo man sich erkältet, also ‚erkeltet‘", wortwitzelte Jürgen. Die Reise führte dann von ganz stillen, getragenen Momenten bis hin zu immer lebhafteren und mitreißenden Weisen – und das Publikum folgte bereitwillig.

 

Das zweite Set

Nach der Pause ging es lebhaft weiter, mit Songs, die sofort für begeisternde Stimmung sorgten. Die Band widmete sich in The tail o‘ the bank einer Industriestadt, die ihre ursprüngliche Identität längst verloren hatte und dennoch – oder gerade deshalb – Sehnsuchtsort geblieben ist für alle, die von dort kommen.

 

Ein Lied über Chemiearbeiter brachte Jürgen zu einem weiteren Wortwitz, den er offensichtlich sehr genoss: „Die leben ja hier auch … hoechst gefährlich." Das Publikum brauchte einen Moment … 

 

Holger, Till und Wolfgang bewiesen dann schauspielerisches Talent bei einem Lied mit Erzähler, Kapitän und Ausguck. Kapitän Holgers Schmerz über den entkommenen Wal war von beeindruckender Überzeugungskraft. Auch ein Lied der orangen CD (eine von vieren, die die Foreign Feathers bislang aufgenommen haben), das es bislang nie ins Live-Programm geschafft hatte, erlebte heute seine (zweite) Bühnenpremiere. Für diesen Moment rückten alle etwas enger zusammen – buchstäblich.

 

Zum Ende des zweiten Sets träumte ein Ire von zuhause – und wachte in Kalifornien auf. Die Stimmen der Musiker setzten einzeln ein, zart und leise, bis sie sich zu einem kraftvollen, faszinierenden fünfstimmigen Klang verdichteten, der den Raum füllte.

 

Der Abgang – und die Rückkehr

Und dann nahm das Konzert seinen bekannten, beliebten Verlauf. Tills Geige setzte ein. Die Fans wussten, was kam. Die Band spielte, sang – und verschwand in der Sakristei. Einen Herzschlag lang Stille. Dann ging die Tür: Die Musiker kamen durch den Eingang der Alten Kirche wieder herein und liefen mitten durch das Publikum wieder zur Bühne.

 

Jubel. Stehende Ovationen. Zugabe.

Der Regen draußen? Längst vergessen. Drinnen schien an diesem Sonntagmorgen die Sonne – und die Foreign Feathers hatten wieder einmal bewiesen, dass gute Musik keine bestimmte Tageszeit braucht, um unter die Haut zu gehen.

 

Sabine Karbowy